Lösung: Fall zur Fahrlässigkeit

Sachverhalt:


Fallbeispiel: A ist Allgemeinmediziner und am Wochenende oft als Notarzt im Einsatz. Bei einem dieser Einsätze wird er zu einem Verkehrsunfall gerufen. Nach dem Eintreffen erkennt er unter den Unfallopfern auch seinen Patienten V. V kann A zu verstehen geben, dass er starke Schmerzen in der linken Brustseite hat. Wegen plötzlicher Atemnot kann V jedoch keine weiteren Angaben machen. Für A erhärtet sich der Verdacht, dass V einen Herzinfarkt erlitten hat. Deshalb verabreicht der A dem V u.a. blutverdünnende Medikamente in der bei einem Herzinfarkt üblichen Dosis, um den Blutfluss zu erleichtern. Im Krankenhaus wird die von A gestellte Diagnose bestätigt. Bei der anschließenden Operation kommt es – wie bei solchen Operationen nicht ungewöhnlich – zu schweren Komplikationen. V, der an Hämophilie (Bluterkrankheit) leidet, verliert dabei viel Blut. Aufgrund der vorhergehenden Verabreichung der blutverdünnenden Medikamente ist es dem operierenden Arzt unmöglich, die Blutungen zu stoppen. Infolge massiven Blutverlusts verstirbt V. Der Herzinfarkt allein hätte nicht zum Tod des V geführt. A wusste von der Krankheit des V, da dieser u.a. deswegen bei ihm bereits seit einigen Jahren in Behandlung war. Bei dem Notfalleinsatz hat A jedoch nicht daran gedacht.
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Frage: Hat A sich wegen fahrlässiger Tötung gem. § 222 StGB strafbar gemacht?

Lösung:

A könnte sich wegen fahrlässiger Tötung gem. § 222 StGB strafbar gemacht haben, indem er seinem an Hämophilie erkrankten Patienten V blutverdünnende Medikamente verabreicht hat.

I. Tatbestandsmäßigkeit

1. Taterfolg und Tathandlung

Der Taterfolg des § 222 StGB ist der Tod eines anderen Menschen. Hier ist V, ein anderer Mensch, gestorben. An der Handlungsqualität des Verabreichens der blutverdünnenden Mittel durch A bestehen keine Zweifel.

2. Kausalität

Das Verabreichen der Medikamente müsste kausal für den Tod des V gewesen sein. Kausal i. S. d. Äquivalenztheorie ist jede Handlung, die nicht hinweggedacht werden kann, ohne dass der Erfolg in seiner konkreten Gestalt entfiele. Hätte A dem V keine blutverdünnenden Mittel verabreicht, hätte dieser bei der Operation nicht so einen hohen Blutverlust erlitten und wäre nicht infolgedessen gestorben. Die Kausalität ist damit zu bejahen.

3. Objektive Sorgfaltspflichtverletzung

Es müsste eine objektive Sorgfaltspflichtverletzung vorliegen. Objektiv sorgfaltswidrig handelt, wer die im Verkehr erforderliche Sorgfalt außer Acht lässt. Der Maßstab der anzuwendenden Sorgfalt ergibt sich aus den Anforderungen, die – bei einer ex ante-Betrachtung der Gefahrenlage – an einen besonnenen und gewissenhaften Menschen, der dem Verkehrskreis des Täters angehört und sich in dessen konkreter Lage befindet, gestellt werden. Dem V, der an der Bluterkrankheit litt und vermutlich bald operiert werden musste, Blutverdünner zu verabreichen, war extrem gefährlich. A muss sich auch sein Sonderwissen als Arzt zurechnen lassen. V war sein Patient und A wusste von dessen Erkrankung. Hätte er sich besonnen und gewissenhaft verhalten, hätte er die Erkrankung des V bedenken und von dem Verabreichen des Blutverdünners absehen müssen. Folglich liegt eine objektive Sorgfaltspflichtverletzung vor.

4. Objektive Vorhersehbarkeit

Darüber hinaus müsste der Tod des V objektiv vorhersehbar gewesen sein. Objektiv voraussehbar ist, was ein umsichtig handelnder Mensch aus dem Verkehrskreis des Täters unter den jeweils gegebenen Umständen aufgrund der allgemeinen Lebenserfahrung in Rechnung stellen würde. Es liegt nicht außerhalb jeder Lebenserfahrung, dass ein Hämophilie Patient einen hohen Blutverlust erleidet, wenn ihm blutverdünnende Mittel verabreicht werden und er anschließend operiert wird. Auch hierbei wird das Sonderwissen des A zugrunde gelegt, welcher als behandelnder Arzt die Krankheit des V kannte. Mithin war der Taterfolg objektiv vorhersehbar.

5. Objektive Zurechnung

Der Tod des V müsste dem A objektiv zurechenbar sein. Objektiv zurechenbar ist der Erfolg, wenn der Täter eine rechtlich missbilligte Gefahr geschaffen hat, die sich im konkreten Taterfolg realisiert. Bei den Fahrlässigkeitsdelikten kommen dabei insb. dem Schutzzweck- und dem Pflichtwidrigkeitszusammenhang eine besondere Bedeutung zu.

a) Schutzzweckzusammenhang

Zunächst müsste der Schutzzweckzusammenhang gegeben sein. Nur, wenn die verletze Verhaltensnorm gerade dem Schutz des betroffenen Rechtsguts dienen soll, wurde eine rechtlich relevante Gefahr geschaffen. Die Verhaltensnorm liegt darin, dass ein Arzt in einer solchen Situation an mögliche Erkrankungen seines Patienten denkt, bevor er ihm Medikamente verabreicht. A hat bei der Behandlung vor Ort nicht daran gedacht, dass sein Patient V an Hämophilie leidet. Auch wenn ein Unfall eine stressauslösende Situation darstellt, ist es die Aufgabe von A besonnen zu bleiben und insb. eine solche Krankheit zu berücksichtigen. Diese Verhaltensanforderung soll auch grade dazu dienen, Leben und Gesundheit des Patienten zu schützen. Damit liegt der Schutzzweckzusammenhang vor.

b) Pflichtwidrigkeitszusammenhang

Ferner müsste der Pflichtwidrigkeitszusammenhang bestehen. Dieser entfällt, wenn der Taterfolg mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit auch bei einem pflichtgemäßen Alternativverhalten des Täters eingetreten wäre. Hätte A sich pflichtgemäß verhalten und dem V keine blutverdünnenden Mittel verabreicht, hätte V bei der Operation nicht einen solch hohen Blutverlust erlitten und der Taterfolg wäre nicht eingetreten. Der Herzinfarkt alleine hätte nicht zum Tod des V geführt. Der Pflichtwidrigkeitszusammenhang bleibt bestehen.

c) Vorsätzliches Dazwischentreten des operierenden Arztes

Die objektive Zurechnung könnte ferner zu verneinen sein, wenn der Zurechnungszusammenhang durch das Dazwischentreten des operierenden Arztes unterbrochen wurde. Grundsätzlich gilt, dass die Verantwortung des Ersttäters endet, wenn der Dritte vorsätzlich oder grob fahrlässig und damit voll verantwortlich eine neue, selbstständig auf den Erfolg hinwirkende Gefahr schafft, die sich dann allein im Taterfolg realisiert. Der operierende Arzt führte den Tod des V jedoch weder vorsätzlich noch grob fahrlässig herbei und hat keine neue, selbstständig wirkende Gefahr geschaffen. Der Zurechnungszusammenhang wird durch sein Dazwischentreten nicht unterbrochen.

6. Zwischenergebnis

A handelte tatbestandsmäßig.

II. Rechtswidrigkeit

Es liegen keine Rechtfertigungsgründe vor. A handelte somit rechtswidrig.

III. Schuld

A müsste schuldhaft gehandelt haben. Entschuldigungsgründe sind nicht ersichtlich.

Zudem müsste A auch subjektiv fahrlässig gehandelt haben. Dafür muss ein subjektiver Sorgfaltspflichtverstoß bei subjektiver Vorhersehbarkeit vorliegen. A konnte den objektiven Sorgfaltspflichtverstoß nach seinen individuellen Kenntnissen und Fähigkeiten als solchen erkennen und vermeiden sowie den Kausalverlauf vorhersehen. Mithin handelte A auch schuldhaft.

IV. Ergebnis

Im Ergebnis hat A sich wegen fahrlässiger Tötung gem. § 222 StGB strafbar gemacht.

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